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Tigrinhos

Die Sowjetische Marine 1925 - 1945

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Da ja die russischen Schlachtschiffe vor der Tür stehen und das Thema schon in zwei anderen Threads aufkam – unter anderem bei der Frage nach historischen Vorbildern für Drillingstüme mit 457 mm –nutze ich die Gelegenheit um etwas Licht in die Zeit zwischen den Weltkriegen zu bringen. Weitere Teile folgen bei Gelegenheit, wobei der Zeitraum bis 1925 und ab dem Ende des 2. Weltkriegs bis zum Tod von Stalin 1953 größtenteils eben schon an anderer Stelle verarbeitet ist.

 

Hauptquelle ist das Buch „Stalin's Ocean-going Fleet“, da das hier aber keine Doktorarbeit ist, seht es mir nach, wenn ich Informationen auch an anderer Stelle aufsauge und das nicht besonders erwähne oder aus der Erinnerung falsch wiedergebe. Außer im Titel werde ich wohl meistens auch von den „Russen“ sprechen, das hat sich halt im allgemeinen Sprachgebrauch so durchgesetzt und ist das gleiche Problem wie bei Briten und Engländern oder Niederlande und Holland. Ebenso werde ich auch nicht groß z.B. zwischen Linienschiffen und Schlachtschiffen unterscheiden.

 

Beginnen möchte ich zum Verständnis sogar noch vor dem ersten Weltkrieg. Russland besaß damals 27 Pre-Dreadnoughts, von denen 13 oder knapp die Hälfte im Russisch-Japanischen Krieg gesunken bzw. von Japan erobert oder gehoben wurden. Zwei Schiffe wurden 1916 zurückgekauft, fünf dieser Schiffe sind im ersten Weltkrieg gesunken, sieben moderne Dreadnoughts wurden zwischen 1909 und 1917 fertiggestellt.

 

Im anschließenden Bürgerkrieg gingen 77 % aller Schiffe verloren oder konnten nicht mehr in Dienst gestellt werden, darunter 61 % der modernsten Einheiten. Nimmt man nur die Schlachtschiffe und berücksichtigt alle Verluste zwischen 1904 und 1921 sind sogar 97 % dieser Schiffe verloren gegangen oder in Zahlen mit 33 Stück etwa doppelt so viele wie bei der Selbstversenkung der Deutsche Hochseeflotte in Scapa Flow…

 

Bis 1925 hatte man trotz des Bürgerkriegs schon wieder ein Drittel der ursprünglichen Stärke vor dem ersten Weltkrieg erreicht und jedes Jahr ein Schlachtschiff, einen Kreuzer und sechs Zerstörer wieder in Dienst gestellt. Das erste offizielle Flottenbauprogramm sah dann etwa 50 % bis 1931 vor, wobei dieser erste und schon abgespeckte Plan der Flottenführung zunächst gescheitert ist, vielleicht gerade deshalb, weil er nicht beeindruckend war, sondern realistische Zahlen beinhaltete. Den Überblick über die Entwicklung gibt die folgende Tabelle:

 

 

1914

1917

1921

1925

1931

(geplant)

CV

-

-

-

-

1

BB

14

18

1

5

7

CA/CL

14

14

-

4

6

DD

103

84

24

48

??

SS

28

41

13

16

??

 

Für mich hat sich schon dadurch die Sichtweise auf die sowjetische Marine stark geändert. Statt sie zu belächeln muss man doch eher Respekt empfinden. Einen größeren Teil der Flotte dürfte kaum ein anderes Land erneut haben, obwohl auch kaum ein anderes Land derartig hohe Opfer erbringen musste: Anhand von Bevölkerungszählungen lässt sich feststellen, dass in Russland um 1921 zehn Millionen Menschen weniger lebten, als im selben Gebiet zum Ende des 1. Weltkrieges. Dazu kommen dann noch die rund fünf Millionen Kriegstote aus dem 1. Weltkrieg und vielleicht noch einmal genau so viele, die erst nach dem Bürgerkrieg und dem Zusammenbruch des Wirtschaftssystems an Hunger oder Seuchen gestorben sind.

 

Auch das nach 1925 die wenigsten Entwürfe umgesetzt werden konnten – da werde ich noch drauf eingehen - relativiert sich ein bisschen, wenn man die Bedrohung in der Ostsee oder dem Schwarzen Meer genauer anschaut:

 

  • In Deutschland z.B. gab es nur noch ein halbes Dutzend Linienschiffe aus dem vorigen Jahrhundert, Russland hatte die gleiche Zahl an wesentlich moderneren Schiffen.
  • In der Türkei z.B. waren an modernen Einheiten im Wesentlichen nur ein ehemaliger deutscher Schlachtkreuzer und zwei Panzerschiffe mit Kaliber 28 cm vorhanden.
  • Als Scharnhorst und Gneisenau ab 1934 gebaut wurden, begann in Russland die Planung von zwei Einheiten der Kronshtadt-Klasse mit zunächst noch Kaliber 38 cm.
  • Noch bevor die Bismarck im Februar 1939 vom Stapel lief, wurde im August 1938 die erste von vier Einheiten der Sowjetski Sojus-Klasse mit 406 mm auf Kiel gelegt.

 

Davor wurden für die Verteidigung ganz einfach keine neuen Schiffe benötigt, als es soweit war hat man auch schnell reagiert, dass diese Entwürfe dann nicht fertiggestellt wurden liegt eben am Kriegsausbruch und ging auch großen Seefahrer-Nationen wie z.B. England mit der Lion-Klasse nicht viel anders.

 

Hier schließt sich dann auch wieder Kreis: Das ganze Spiel dreht sich doch nur um die Frage: Was wäre wenn? Daher finde ich das Thema ja auch so spannend. Nimmt man z.B. den Zweig der deutschen Schlachtschiffe, sind Kaiser, König und Bayern gesunken, lange bevor man die ähnlich den B-Rümpfen mit 20 mm Flak und dergleichen hätte modernisieren können. Die Gneisenau hatte nie 38 cm -Geschütze, auch wenn das geplant war. Die Bismarck hatte auch nur zwei Flakvierlinge und nicht 16 wie im Spiel, wurde in der Realität halt auch nie von Westland Wyvern aus 1946 angegriffen, wie sie der britische Tier X jetzt hat.

 

Ähnlich sieht das ja bei allen historischen Schiffen aus, die sind alle maximal zu 80 oder 90 % realistisch dargestellt sind. Da stört es dann aber auch nicht weiter, dass ein Schiff wie die Sowjetski Sojus gar nicht zu 100 % perfekt abgebildet werden kann, weil die im Gegensatz zur Bismarck nie fertiggestellt wurde. Der Bau vom Schlachtschiff H wiederum wurde zwar tatsächlich begonnen, aber was da auf Tier IX abgebildet ist, stimmt damit nicht mal zur Hälfte überein, der Tier X mit seinen Drillingen vielleicht zu einem Viertel. Die Kreml würde ich da eher noch als realistischer empfinden, auch wenn es die nur so ähnlich auf dem Papier gab. Es ist einfach plausibler, dass die Russen für Projekt 24 Drillinge mit größerem Kaliber als für Projekt 23 gebaut hätten, bevor die Deutschen von ihren Zwillingstürmen abrücken.

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Als halber RU Bürger kann ich dir nur sagen das der Respekt dazu der Bevölkerung in dieser schwierigen Zeit gilt
Weil auf Kosten der Bevölkerung ab dem Ende des Bürgerkrieges gewisse "Jahrespläne" umgesetzt wurden um die Marine,Luftwaffe(grösste Luftwaffe/erstmalig Fallschirmjäger+Luftlandetruppen) und die Landstreitkräfte (z.B. Panzer) schlagartig und in Massen zu erhöhen.....

Aber ansonsten Danke lieber Tigrinhos für die Zusammenstellung und ich werde auch mal nen bissl rumkramen was man so findet:cap_like:
Mal schauen was viele Spieler so auftreiben um ein bissl was zusammen zubekommen
Hier mal ein Link für dich wo auch schon interessante Dinge zur Soviet Marine stehen
https://www.naval-encyclopedia.com/ww2/soviet-navy

mfg

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Kleiner Literaturtip: NG Kusnezow - Am Vorabend; Gefechtsalarm in den Flotten; Auf Siegeskurs 3 Bände

 

sind die Erinnerungen des damaligen Volkskommisars der Marine (April 1939- Nov/Dez 45)

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Vor 27 Minuten, linkum sagte:

Kleiner Literaturtip: NG Kusnezow - Am Vorabend; Gefechtsalarm in den Flotten; Auf Siegeskurs 3 Bände

sind die Erinnerungen des damaligen Volkskommisars der Marine (April 1939- Nov/Dez 45)

Dem füge ich noch Juri Pantelejew - Ein Leben für die Flotte und Arseni Golowko - Von Spitzbergen bis zur Tiksibucht hinzu.

Pantelejew paßt mit seinen Erinnerungen genau in die fragliche Zeit des Floitten-(wieder-)aufbaus und Golowko als Chef der Nordflotte gibt Einblicke in die Operationen im Nordmeer während des Krieges.

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Sehr interessanter Eingangspost. Deine Herleitungen lesen sich auf den ersten Blick schlüssig. 

Auf dem zweiten Blick kommt dann schnell der Punkt der Bedrohungslage. Deutschland und die Türkei, sprich die Ostsee und das Schwarze Meer, waren ja nicht die einzigen Gegner. 

In der Betrachtung fehlt Japan mit seiner Flotte als Bedrohung. 

Dadurch liest es sich so, als wenn die Sowjetunion eine wettbewerbsfähige Flotte hätte bauen können, wenn sie es für nötig gehalten hätte.

Kauf ich nicht.  

Auch sieht die Flotte in Dienst stehender Schiffe beeindruckend aus, aber wie einsatzfähig und konkurrenzfähig waren sie wirklich?

 

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Gerade eben, Dullman84 sagte:

Dadurch liest es sich so, als wenn die Sowjetunion eine wettbewerbsfähige Flotte hätte bauen können, wenn sie es für nötig gehalten hätte.

Kauf ich nicht.  

Auch sieht die Flotte in Dienst stehender Schiffe beeindruckend aus, aber wie einsatzfähig und konkurrenzfähig waren sie wirklich?

Genau. Man sollte nicht vergessen, dass das Knowhow für Neubauten in den 30ern größtenteils aus Italien kam. Ohne diese Hilfe wäre die UdSSR schon an DD und CL gescheitert.

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Vor 14 Stunden, Dullman84 sagte:

Sehr interessanter Eingangspost. Deine Herleitungen lesen sich auf den ersten Blick schlüssig. 

Auf dem zweiten Blick kommt dann schnell der Punkt der Bedrohungslage. Deutschland und die Türkei, sprich die Ostsee und das Schwarze Meer, waren ja nicht die einzigen Gegner. 

In der Betrachtung fehlt Japan mit seiner Flotte als Bedrohung. 

Dadurch liest es sich so, als wenn die Sowjetunion eine wettbewerbsfähige Flotte hätte bauen können, wenn sie es für nötig gehalten hätte.

Kauf ich nicht.  

Auch sieht die Flotte in Dienst stehender Schiffe beeindruckend aus, aber wie einsatzfähig und konkurrenzfähig waren sie wirklich?

 

Wenn du dich da mal nicht täuschst. Wären die internen Machtkämpfe in der Bolschewiki anders ausgegangen, hätte durchaus eine starke Flotte auf dem Programm stehen können. So aber war die Konsolidierung nach Innen, die Wiederherstellung der alten Grenzen, was Finnland, das Baltikum und Teile von Polen einschloß, ganz oben auf der Liste. Dazu brauchte man eine starke Armee, eine Flotte sah man als nicht wirklich nötig an. Die Schiffe die da waren wurden instandgesetzt, auf den Helligen liegende fertig gebaut, soweit man das Material dazu hatte und das war es dann auch schon. Den Fernen Osten mit Japan hatte man tatsächlich erst Mitte/ Ende der 30iger auf dem Schirm, konkret seit den Kämpfen am Chalchin-Gol.

 

Was die ausländische Hilfe bei Konstruktion und Bau angeht, so war man diesbezüglich nicht nur in Italien unterwegs, GB, USA und Deutschland standen ebenfall auf dem Zettel. Ob die es auch ohne Hilfe geschafft hätten? ich denke mal ja. Auch wenn durch Revolution und Bürgerkrieg, diverse Säuberungsaktionen nicht zu vergessen, eine Menge kluge Köpfe nicht mehr zur Verfügung standen. Trotzdem wurden einige beeindruckende technische Leistungen vollbracht, die dem Aufbau einer Flotte durchaus gleich zu setzten sind, Bsp Stahlproduktion 1900 -  2 Mill Tonnen, 1920 -  1 Mill Tonnen, 1939 waren es 18 Mill Tonnen

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Vor 35 Minuten, linkum sagte:

Ob die es auch ohne Hilfe geschafft hätten? ich denke mal ja.

Ich denke nicht. Das Zarenreich war schon zu Beginn des erstem Weltkriegs beim Kriegsschiffbau technisch hinterher. Revolution und Bürgerkrieg haben den Rückstand noch vergrößert. Ohne Hilfe hätten sie nie den Anschluss geschafft.

Vor 39 Minuten, linkum sagte:

Trotzdem wurden einige beeindruckende technische Leistungen vollbracht, die dem Aufbau einer Flotte durchaus gleich zu setzten sind, Bsp Stahlproduktion 1900 -  2 Mill Tonnen, 1920 -  1 Mill Tonnen, 1939 waren es 18 Mill Tonnen

Wenn man ohne Rücksicht alles in den Aufbau einer Schwerindustrie buttert, kann man einiges erreichen. Die Weltweite Stahlproduktion lag 1900 übrigens bei 28,3 Mt und 1939 bei 137,1 Mt. Also den Anteil von ca. 7% auf 13% fast verdoppelt. 

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Vor 2 Stunden, Graf_Orlok sagte:

Ich denke nicht. Das Zarenreich war schon zu Beginn des erstem Weltkriegs beim Kriegsschiffbau technisch hinterher. Revolution und Bürgerkrieg haben den Rückstand noch vergrößert. Ohne Hilfe hätten sie nie den Anschluss geschafft.

 

Das lag aber eher am System, denn an den Möglichkeiten. Das unglaublich starre Kastensystem in Russland verhinderte die Bildung einer gut ausgebildeten Mittelschicht, wie sie sich im restlichen Europa etabliert hatte. Die Revolution hat auch hier eine Menge an Möglichkeiten freigesetzt, ziemlich brilliante Wissenschaftler hätten im Zarenreich nie die Chance erhalten.

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Das bestreitet ja auch niemand, das es dort brillante Köpfe gab. Aber alleine die Entwicklung eines neuen Geschützes mit hochlegierten Stahl, hätte Ewigkeiten gedauert. Dazu kommt das man ja das Personal und die entsprechenden Werkzeuge, Maschinen und Öfen, sprich Industriekomplexe benötigt hätte. Das gab es so nicht und hätte langwierig aufgebaut werden müssen. 

Googelt mal wie lange die Ausbildung eines Schweißers dauert, der hochlegierten Stahl schweißen soll. Nur mal als Beispiel.

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1 hour ago, Dullman84 said:

Das bestreitet ja auch niemand, das es dort brillante Köpfe gab. Aber alleine die Entwicklung eines neuen Geschützes mit hochlegierten Stahl, hätte Ewigkeiten gedauert. Dazu kommt das man ja das Personal und die entsprechenden Werkzeuge, Maschinen und Öfen, sprich Industriekomplexe benötigt hätte. Das gab es so nicht und hätte langwierig aufgebaut werden müssen. 

Googelt mal wie lange die Ausbildung eines Schweißers dauert, der hochlegierten Stahl schweißen soll. Nur mal als Beispiel.

Die Geschützentwicklung für einen Schlachschiff war durchaus Praxis. Vor Kriegsbeginn wurde 12 Stück 406mm Kanonen (für Sovetskiy Soyuz) hergestellt. Eine von ihnen wurde bei Verteidigung Leningrads eingesetzt.

http://www.navweaps.com/Weapons/WNRussian_16-50_m1937.php

Auf Wikipedia gibt es deutlich mehr Infos, es ist aber auf russisch. Insbesondere wo und wie es entwickelt und gebaut wurde. Kurzer Artikel auf Navweaps Seite suggeriert quasi dass es italienische Entwicklung war.

https://ru.wikipedia.org/wiki/406-мм_морская_пушка_Б-37#Производство_орудий_Б-37

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Weiß ich doch, ich hab in Geschichte aufgepasst! :Smile_hiding:

 

Ich bin ja auch davon ausgegangen, sie hätten der Marine nur halb soviel Interesse entgegen gebracht wie der Armee, sie wären durchaus in der Lage gewesen eine respektable Flotte zu entwickeln und zu bauen. Mal von typisch russischen Mängeln abgesehen. Das sie in Wirklichkeit Hilfe aus dem Ausland in Anspruch genommen haben, lag zum Großteil daran, daß sie ihre Prioritäten anders gesetzt haben.

Nur am Rande, ich bin auf einem in der Sowjetunion gebauten Kriegsschiff gefahren, ich weiß wovon ich da rede.

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On ‎4‎/‎27‎/‎2019 at 12:22 AM, Dullman84 said:

In der Betrachtung fehlt Japan mit seiner Flotte als Bedrohung. 

Das liegt daran, dass die Russische Pazifikflotte nach 1922 praktisch nicht mehr existent war, nachdem die Interventionstruppen aus den USA, Japan, Großbritannien und Frankreich alle noch kampffähigen Schiffe ins Ausland geschafft hatten. Es gab nur noch die Amur-Flottille für militärische Operationen auf Flüssen mit ein paar Kanonen- und Schnellbooten und zunächst keine Ambitionen daran etwas zu ändern. Ohne Flotte oder Kolonien im Pazifik gibt es aber auch keine Bedrohung durch japanische Schiffe.

 

Mit der Mandschurei-Krise begann man ab 1932 wieder sich besser für die Verteidigung der eigenen Küste zu rüsten und die Fernostflotte neu aufzustellen,  zunächst mit einer Handvoll Torpedo- und Minenbooten, U-Booten, Marinefliegern, Fußsoldaten und Artillerie. Bis zum zweiten Weltkrieg waren zwei Kreuzer, zehn Zerstörer und etwa 1.500 Kampfflugzeuge dazugekommen, man beteiligte sich am Krieg gegen Japan aber erst ab August 1945 nach dem Ende der Kampfhandlungen in Europa. Richtig aufgerüstet hat man die Pazifikflotte dann erst wieder ab Mitte der fünfziger Jahre.

 

Quote

Auch sieht die Flotte in Dienst stehender Schiffe beeindruckend aus, aber wie einsatzfähig und konkurrenzfähig waren sie wirklich?

Die Frage stellt sich eigentlich nicht, da kein Nachbarstaat mehr oder modernere Schiffe hat, zumindest wenn man den Pazifik ausklammert. 

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Vor 44 Minuten, Tigrinhos sagte:

Das liegt daran, dass die Russische Pazifikflotte nach 1922 praktisch nicht mehr existent war, nachdem die Interventionstruppen aus den USA, Japan, Großbritannien und Frankreich alle noch kampffähigen Schiffe ins Ausland geschafft hatten. Es gab nur noch die Amur-Flottille für militärische Operationen auf Flüssen mit ein paar Kanonen- und Schnellbooten und zunächst keine Ambitionen daran etwas zu ändern. Ohne Flotte oder Kolonien im Pazifik gibt es aber auch keine Bedrohung durch japanische Schiffe.

 

Mit der Mandschurei-Krise begann man ab 1932 wieder sich besser für die Verteidigung der eigenen Küste zu rüsten und die Fernostflotte neu aufzustellen,  zunächst mit einer Handvoll Torpedo- und Minenbooten, U-Booten, Marinefliegern, Fußsoldaten und Artillerie. Bis zum zweiten Weltkrieg waren zwei Kreuzer, zehn Zerstörer und etwa 1.500 Kampfflugzeuge dazugekommen, man beteiligte sich am Krieg gegen Japan aber erst ab August 1945 nach dem Ende der Kampfhandlungen in Europa. Richtig aufgerüstet hat man die Pazifikflotte dann erst wieder ab Mitte der fünfziger Jahre.

Interesse wird man sicherlich gehabt haben, nur fehlten die Ressourcen und schlicht das Know-how um eine Flotte respektabler Größe auszubauen. Wie ich oben schon schrieb, braucht es mehr als den Willen eine solche Flotte aufzubauen. Alleine die Ausbildung der entsprechenden Arbeitskräfte hätte mehr als 10 Jahre gebraucht. In den 20er hätte die Sowjetunion niemals eine Schlachtflotte mit modernen Schiffen aufbauen können. Die Hilfe hätte man sich auch nicht im Ausland bei den großen Marinenationen holen können. Zumindest nicht offiziell in der nötigen Größenordnung.

 

Vor 44 Minuten, Tigrinhos sagte:

Die Frage stellt sich eigentlich nicht, da kein Nachbarstaat mehr oder modernere Schiffe hat, zumindest wenn man den Pazifik ausklammert

Na aber ganz sicher stellt sich diese Frage, denn Schiffe die nicht fahren können auch nicht kämpfen. Schiffe ohne entsprechendes Personal und Ausrüstungen (Messgeräte etc) ebenso nicht. Von Doktrinen des Seegefechtes mal ganz abgesehen.

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Vor 3 Stunden, Tigrinhos sagte:

Die Frage stellt sich eigentlich nicht, da kein Nachbarstaat mehr oder modernere Schiffe hat, zumindest wenn man den Pazifik ausklammert. 

Wenn es der SU in den 20ern möglich gewesen wäre, eine wirklich brauchbare Flotte in Ostsee und Nordmeer aufzustellen, die dann auch von F und GB als Gefahr angesehen worden wäre, dann hätten beide wahrscheinlich Deutschland umgarnt und ihnen wenige, aber brauchbare Neubauten zugestanden.

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On ‎4‎/‎30‎/‎2019 at 1:21 PM, Dullman84 said:

Interesse wird man sicherlich gehabt haben...

Das ist bezogen auf die pazifische Flotte eben nicht richtig. In Ostsee oder Schwarzem Meer wollte man die maritime Vorherrschaft, wofür eine Handvoll moderne Schiffe ausreichten. Im Pazifik war das Ziel einzig und allein die Küstenverteidigung und dafür brauchte man auch keine Schlachtschiffe. Mit anderen Mitteln hätten vielleicht auch die Ziele im Pazifik anders ausgesehen, aber im genannten Zeitraum bis etwa 1930 steht das nicht zur Debatte.

 

Quote

Na aber ganz sicher stellt sich diese Frage, denn Schiffe die nicht fahren können auch nicht kämpfen.

Anders ausgedrückt ist die Frage einfach überflüssig. Man hat ein halbes Dutzend Schlachtschiffe frisch aus der Werft - natürlich sind die einsatzfähig! Das lässt sich auch belegen, wie schon an anderer Stelle geschrieben wurde der Dienst 1922 ganz normal wieder aufgenommen. Bis 1925 fanden dann etwa 40 Flottenmanöver statt, einmal im Jahr auch auf hoher See im Nordmeer. Ebenfalls 1922 wurde eine neue Flottenakademie gegründet, wobei es nicht an Personal mangelte, sondern nur an Kommandanten mit der richtigen politischen Einstellung.

 

Auch über die Kampfkraft muss man nicht diskutieren, um 1920 sind zwar Schiffe wie z.B. die HMS Hood mit 38 cm Geschützen in Dienst gestellt worden, aber die Gegner mit denen man sich messen muss heißen Deutschland oder Türkei (oder Finnland, Polen, Rumänien,...) Deutschland hat um 1922 nur zwei einsatzbereite Linienschiffe mit jeweils vier 28 cm Geschützen - jede Gangut alleine hat schon zwölf Geschütze mit 30 cm, da spielt so etwas wie die Treffergenauigkeit keine große Rolle mehr.

 

Viel Entscheidender ist aber, dass alle Länder unter den Folgen des Krieges gelitten haben und sich niemand gleich in den nächsten stürzen will. D.h. selbst wenn da Zweifel hat, ist diese Frage erst zehn oder zwanzig Jahre später spannend, da komme ich dann aber im zweiten oder dritten Teil drauf.  

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Teil 2 oder Teil 1 – je nachdem ob man die Einleitung mitzählen will – beginnt dann 1925.

 

Grundsätzlich hat sich an den Bedürfnissen der Flotte nichts geändert. Stalin interessiert sich noch nicht sonderlich für die Marine und unterstützt eher die Pläne der roten Armee. Dort sieht Tuchatschevski die Zukunft in der mobilen Kriegsführung mit Flugzeugen, Fallschirmjägern, Panzern und Artillerie, für die die notwendigen Ressourcen auch vorhanden sind. Er steigt 1925 vom Oberbefehlshaber der Landstreitkräfte zum Vorsitzenden des Generalstabs auf, damit sind ihm alle Oberbefehlshaber der Teilstreitkräfte wie auch Zof für die Marine oder Budjonny als Inspekteur der Kavallerie unterstellt, den ich eigentlich nur wegen des gleichnamigen Schiffs erwähne.

 

Wobei die Kavallerie vielleicht ein gutes Stichwort ist, um zunächst ein paar organisatorische Besonderheiten zu erläutern.  Zunächst wurde die Kavallerie nach dem Bürgerkrieg nicht nur beibehalten, sondern sogar noch weiter ausgebaut, wegen der großen Bedeutung, die sie darin gespielt hat. Dann gab es strenggenommen auch keinen Generalstab im eigentlichen Sinne. Das „Hauptquartier des Kommandos des Obersten Befehlshabers“ (Stawka Werchownowo Glawnokomandujuschtschewo, kurz Stawka) wurde ja 1918 aufgelöst, stattdessen wurde die „Rote Arbeiter- und Bauernarmee“ gegründet. Geführt wurde diese vom „Revolutionären Kriegsrat der Republik“, ansonsten gab es keine Dienstgrade. Dennoch taten sich Anführer in der Armee hervor oder wurden von den Einheiten gewählt werden. Dieses System bestand mehr oder weniger bis zur Gründung der Sowjetunion 1922, der Umbenennung in den „Revolutionären Kriegsrat der UdSSR“ 1923 und der ersten sowjetischen Verfassung 1924. Zwar hatte man schon nach ein paar Wochen wieder Kommandeure von oben ernannt und ab 1920 auch wieder ehemalige Offiziere der kaiserlichen Armee aufgenommen, aber das änderte nichts an der fehlenden Kommandostruktur.

 

Nach 1924 bestand der Militärrat aus einem Vorsitzenden, einem stellvertretenden Vorsitzenden, einem Oberkommandierenden der Streitkräfte der Republik und einfachen Mitliedern. Der Vorsitzende war gleichzeitig der Volkskommissar für das Kriegswesen oder wenn man so will Verteidigungsminister in einem Kabinett und hieß bis Januar 1925 Leo Trotzki.

 

Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist Rykov als Vorsitzender des Rats der Volkskommissare, allerdings nur auf dem Papier. De facto werden alle wichtigen Entscheidungen von Stalin als Generalsekretär der KPdSU getroffen bzw. überstimmt. Die Führung liegt beim Volkskommissar für das Kriegswesen und der Militärrat ist eben ähnlich einem Generalstab für Beratung und Planung zuständig.

 

Unterteilt war dieser in:

  • Hauptstab
  • Inspektion
  • Verwaltung
  • Versorgung
  • Marine
  • Gesetzgebung
  • Rechtsprechung

Wobei jetzt beispielsweise noch einmal Budjonny nur Inspekteur einer Teilstreitkraft war, d.h. ein Punkt kann mehre Posten bedeuten, auch bei der Marine. Und der Oberbefehlshaber der Marine Zof hat natürlich seinen eigenen Stab mit den Befehlshabern der einzelnen Flotten, die wiederum einen eigenen kleinen Stab haben, in dem dann z.B. ein Vertreter für die Versorgung sitzt. Von Bedeutung ist das, wenn in Quellen nur von einem Stabschef die Rede ist, man aber nicht weiß, für welches Ressort er zuständig ist. Selbst wenn es angegeben wird, weiß man nicht, ob er z.B. für die Versorgung der Streitkräfte, der Marine oder nur der baltischen Flotte verantwortlich ist.

Zurück zum eigentlichen Thema stellte Trotzki bekanntermaßen die Theorie der Permanenten Revolution auf, die von einer sozialistischen Armee unterstützt werden sollte. Dazu war eine große Flotte eher überflüssig. Auch die weiteren Hintergründe zu Trotzki sollten bekannt sein, es dürfte also nicht verwundern, dass schon bald Michail Frunse das Amt übernimmt. Er lässt sofort neue Pläne und Strategien für die Marine entwickeln, stirbt aber schon im Oktober des gleichen Jahres (Er ist insofern bekannt, da nach ihm 1985 auch ein Lenkwaffenkreuzer der Kirov-Klasse benannt wurde). Neuer Verteidigungsminister wird dann Kliment Voroshilov (nach ihm ist z.B. der KV-1 benannt). 

 

Zof entwickelt also unter Frunse Pläne für eine durchsetzungsfähige Flotte und stellt diese dann Voroshilov vor, kann aber nicht überzeugen, ganz im Gegensatz zu Tuchatschevski. Dieser erklärt, dass die Sowjetunion keine große Flotte braucht, da diese mit den stärksten Nationen sowieso nicht mithalten könnte. Im Sinne der strategischen Einheit wird dann sogar das Oberkommando der Marine 1926 abgeschafft – aus der Roten Flotte werden die Seestreitkräfte der Roten Armee.

Zof geht diesen Schritt nicht mit und wird durch Muklevich ersetzt.

 

Die Unterteilung des Militärrats der roten Armee ist jetzt wie folgt:

  • Landstreitkräfte
  • Luftstreitkräfte
  • Seestreitkräfte
  • Geheimpolizei
  • Innere Sicherheitskräfte

Innerhalb der Flotte gehen die Diskussion trotzdem weiter, vorwiegend zwischen Dushenov – erst Oberkommandierender der Schlachtschiffe im Schwarzen Meer, dann der gesamt Flotte dort - als Vertreter einer Art Jeune École und Petrov, dem Leiter für Ausbildung und Training der gesamten Marine als Vertreter der klassischen Schule.

 

Petrov forderte 1926 eine Gesamtstärke von:

  • 1 Flugzeugträger
  • 4 Schlachtschiffe
  • 4 Kreuzer
  • 26 Zerstörer
  • 40 U-Boote

Allesamt natürlich Neubauten. Die Jeune École konterte mit Plänen für Minenboote, Torpedoboote, U-Boote und Flugzeuge. Ideen aus beiden Programmen werden 1927 zusammengefasst. Neben den kleineren Einheiten sowie Küstenartillerie, Flakbatterien und Flugzeugen sollten jeweils ein Kreuzer der 1913 begonnen Admiral Nakhimov-Klasse sowie der Svetlana-Klasse fertiggestellt werden, dazu sollte die Poltava (Gangut-Klasse) - auf der es 1922 zu einem Großbrand kam - und zwei Zerstörer repariert und modernisiert werden.

 

Zwischen 1925 und 1926 wurden davor schon drei Schiffe der Gangut-Klasse wieder in Dienst gestellt, die jetzt Marat, Oktjabrskaja Revoljuzija und Parischskaja Kommuna heißen, wobei letztere 1943 wieder in Sevastopol umbenannt wurde. Die Poltava wurde zwar noch in Michail Frunse umbenannt, man hat aber nur Teile des Antriebs als Ersatzteile genutzt, das Schiff fuhr nie wieder zur See. In Dienst gestellt wurden aber noch ein Kreuzer, acht Zerstörer und fünf U-Boote sowie bis 1929 sechs neue U-Boote der Dekabrist-Klasse. Damit würde sich folgende Gesamtstärke bzw. Entwicklung ergeben:

 

 

1914

1917

1921

1925

1929

CV

-

-

-

-

-

BB

14

18

1

5

8

CA/CL

14

14

-

4

7

DD

103

84

24

48

56

SS

28

41

13

16

27

 

In den 1930er-Jahren wurden Oktjabrskaja Revoljuzija und Parischskaja Kommuna einem Totalumbau unterzogen, bei dem sie mit neuen Aufbauten, ölgefeuerten Maschinen und einer stärkeren Flugabwehrbewaffnung ausgerüstet wurden. Während des Zweiten Weltkrieges erhielten die Schiffe außerdem britische Radaranlagen. Die Marat sollte ebenfalls modernisiert werden, der Umbau wurde durch den Kriegsausbruch aber nicht fertiggestellt.

 

Noch nicht geklärt ist die Frage von Neubauten. Beide Seiten haben weiterhin gute Argumente: Im Krieg gegen die Türken 1877 hatte man einer britisch-französischen Flotte nichts entgegenzusetzen und musste sich zurückziehen. Das Gegenbeispiel ist, dass sowohl die deutsche als auch die russische Flotte im ersten Weltkrieg keine große Rolle gespielt hat und fast nur im Hafen lag. Ebenso wurde schon damals erkannt, dass in Zeiten von Flugzeugen und U-Booten das Schlachtschiff an Bedeutung verliert.

 

Im nächsten Teil geht es dann um den ersten 5-Jahres-Plan.

 

 

 

 

cv1.png

fig2.png

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Vor 14 Minuten, Tigrinhos sagte:

In Dienst gestellt wurden aber noch ein Kreuzer, acht Zerstörer und fünf U-Boote sowie bis 1929 sechs neue U-Boote der Dekabrist-Klasse. Damit würde sich folgende Gesamtstärke bzw. Entwicklung ergeben:

Es wird weit weniger beeindruckend, wenn man weiß, dass bei den 56 DD von 1929 die jüngsten von 1914/1915 sind. Zur gleichen Zeit hatte man in D die Raubvögel und Raubtiere, in F die Klassen von Aigle und Guepard, in GB die A-Klasse, in Italien die Navigatori (3x2 12cm!) und Japan war bei der Hälfte der Fubukis.

Bei den Kreuzern sieht es insgesamt nicht so viel besser aus. Neben der uralten Bogatyr sind die fertiggestellten Svetlanas und die Chervona Ukraina auch Vorkriegsentwürfe, während in D gerade die K-Klasse in Dienst gestellt wird. F hat auch mit der Duguay-Trouin etwas wesentlich moderneres. Auch sonst haben alle Nationen mehr und neuere Schiffe.

Imho hat man damals viel zu viel Aufwand in die Instandsetzung von Schiffen zweifelhaften Werts gesteckt. Komplett verkehrt war es zwar nicht, da man erstmal wieder Erfahrung sammeln musste, aber in dem Umfang war es dann doch Verschwendung. Das seltsamste Schiff dieser Entwicklung ist ja das hier:

https://en.wikipedia.org/wiki/Soviet_cruiser_Krasnyi_Kavkaz

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Das größte Problem bei den Russen ist, dass sie obwohl sie das größte Land der Erde sind nur einen einzigen direkten Ozeanzugang am A..... der Welt haben (Wladiwostok) alle anderen große Häfen und Marinebasen sind irgendwo eingezwängt in einem "Meer" aus dem sie nicht ohne weiteres raus kommen.

Siehe Schwarzes Meer Sewastopol --> Bosporus --> Daranellen und dann sind sie gerade mal im Mittelmeer wo sie wieder eingesperrt sind...

 

Diese bescheidene Lage führt dazu, dass sie im Grunde mehrere Flotten unabhängig voneinander betreiben müssen und wie gut das funktioniert sah man ja im Russisch-Japanischen Krieg.

 

Sie können nicht einfach mal eine Flotte zu einem anderen Stützpunkt verlegen.

Etwas das Seenationen wie die USA oder die Briten ohne weiteres bewerkstelligen können.

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On ‎5‎/‎3‎/‎2019 at 4:28 PM, Graf_Orlok said:

Es wird weit weniger beeindruckend, wenn man weiß, dass bei den 56 DD von 1929 die jüngsten von 1914/1915 sind. Zur gleichen Zeit hatte man in D die Raubvögel und Raubtiere, in F die Klassen von Aigle und Guepard, in GB die A-Klasse, in Italien die Navigatori (3x2 12cm!) und Japan war bei der Hälfte der Fubukis.

Bei den Kreuzern sieht es insgesamt nicht so viel besser aus. Neben der uralten Bogatyr sind die fertiggestellten Svetlanas und die Chervona Ukraina auch Vorkriegsentwürfe, während in D gerade die K-Klasse in Dienst gestellt wird. F hat auch mit der Duguay-Trouin etwas wesentlich moderneres. Auch sonst haben alle Nationen mehr und neuere Schiffe.

Imho hat man damals viel zu viel Aufwand in die Instandsetzung von Schiffen zweifelhaften Werts gesteckt. Komplett verkehrt war es zwar nicht, da man erstmal wieder Erfahrung sammeln musste, aber in dem Umfang war es dann doch Verschwendung. Das seltsamste Schiff dieser Entwicklung ist ja das hier:

https://en.wikipedia.org/wiki/Soviet_cruiser_Krasnyi_Kavkaz

Nach Revolution und Bürgerkrieg zwischen 1921 und 1925 ist die Flotte sicher nicht beeindruckend, aber die Leistung unter diesen Umständen jedes Jahr ein Schlachtschiff, ein Kreuzer und sechs Zerstörer wieder in Dienst zu stellen eben schon. Und im Vergleich steht man nicht so schlecht da - bis 1925 gab es ja z.B. in Deutschland auch keine Ersatzbauten.

 

Nach 1925 sieht es etwas anders aus, wobei man sich auch da wie erwähnt z.B. mit Finnland oder Polen und nicht mit Nationen wie Großbritannien oder Japan messen muss. Und auch Deutschland ist man bei den Großkampfschiffen weiterhin überlegen - in der Reichsmarine sind die modernsten Einheiten die Deutschland-Klasse von 1904... Genauso sollte man bei den 56 Zerstörern erwähnen, dass fast alle davon aus der Nowik-Klasse ab 1910 stammen, die mit Öl als Brennstoff damals die schnellsten Schiffe der Welt waren. Die sind also maximal zehn bis fünfzehn Jahre alt, im Vergleich sind Torpedoboot 1923 und 1924 sicher keine fortschrittlicheren Entwürfe und zudem sind es halt jeweils auch nur sechs Einheiten.

 

Mein Anliegen sind aber auch weniger solche Vergleiche, sondern ich will aufzeigen, dass man in der Sowjetunion bis zum zweiten Weltkrieg zwar keine von den großen Nationen ernstzunehmende Flotte hatte, aber doch mehr als nur ein paar rostige Kähne im Hafen. Ernstzunehmende Pläne hatte man sowieso und die sind nicht nur an fehlenden Mitteln oder Fachwissen gescheitert, sondern vor allem auch an politischen Entscheidungen. Wobei diese ja im Nachhinein betrachtet nicht alle falsch waren, welchen Nutzen hatte den z.B. die italienische oder französische Marine im zweiten Weltkrieg? Trotzdem sind Roma oder Richelieu heute legendär und das fehlt einer Kronshtadt oder Sowjetski Sojus, aber deswegen sind das nicht gleich schlechte Entwürfe.

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Weiter geht es am 8. Mai 1928 im Rat für Arbeit und Verteidigung (Sovet Truda i Oborony, man kann es wohl als Militärausschuss des Rats der Volkskommissare bezeichnen). Unter der Leitung von Voroshilov wurde an diesem Tag ganz offiziell die Rolle der Flotte diskutiert. Teilnehmer waren unter anderem:

 

  • Volkskommissar für das Kriegswesen (Verteidigungsminister) - Voroshilov
  • Volkskommissar für die Armee (Oberbefehlshaber) - Unshlikt
  • Volkskommissar für die Marine (Oberbefehlshaber) – Muklevich
  • Vorsitzender des Militärrats (Generalstabs) – Tuchatschevski
  • Stellvertretender Vorsitzender des Militärrats – Pugashev
  • Leiter der Operativen Abteilung und Führung des Militärrats der Roten Armee sowie
  • 2. Stellvertretender Vorsitzender des Militärrats - Triandafillov
  • Generalinspekteur der Kavallerie – Budjonny
  • Stellvertretender Oberbefehlshaber der Luftstreitkräfte – Mezheninov
  • Oberbefehlshaber für den Militärbezirk Moskau – Shaposhnikov
  • (ab 1928 Vorsitzender des Militärrats)
  • Oberbefehlshaber für den Militärbezirk Weißrussland – Yegorov
  • (ab 1931 Vorsitzender des Militärrats)
  • Oberbefehlshaber für den Militärbezirk Leningrad – Dybenko
  • Oberbefehlshaber für den Militärbezirk Kaukasus – Kork
  • (ab Juni 1928 Militärattaché in Berlin)
  • Oberbefehlshaber für den Militärbezirk Kiev – Yakir
  • Leiter für Ausbildung und Training der Marine – Petrov
  • Leiter der Technischen Abteilung der Marine – Vlase`v
  • Vorsitzender des NTK der Marine (Nauchno-Tekhnicheskii Komitet, Wissenschaftlich-Technisches Komitee) – Ignatyev
  • Oberbefehlshaber der baltischen Flotte – Viktorov
  • Generalstabschef der baltischen Flotte – Toshakov
  • Leiter der Verwaltung der baltischen Flotte – Kireev
  • Professor an der Militärakademie und Artillerieexperte – Pell

 

Für das Verständnis nicht ganz unwichtig, dass Vertreter der Flotte nicht gerade in der Mehrheit waren. Auch ist es durchaus spannend, sich einzelne Personen mal etwas genauer anzuschauen, von denen jeder Lebenslauf alleine schon reichlich Stoff für Bücher oder Filme bietet.

 

Dybenko z.B. war 1911 noch einfacher Matrose, aber schon ab 1912 Parteimitglied. 1915 war er einer der Führer des Matrosenaufstandes auf dem Linienschiff Imperator Pawel I, 1917 beteiligte er sich an der Februarrevolution und war Oberbefehlshaber der Baltischen Flotte. Bei der Oktoberrevolution kommandierte der Matrosen und Schiffe wie z.B. die Aurora in St. Petersburg – bis 1918 noch Hauptstadt. Ab Oktober 1917 war er Volkskommissar für Heereswesen und Marine der ersten Sowjetregierung. Durch die Revolution konnte nicht nur er sehr schnell sehr viel Macht an sich reißen.

 

Fast genauso schnell endete seine Karriere aber auch wieder: Als die Flotte Anfang 1918 nur Befehle von ihm und nicht von Trotski (Volkskommissar für das Kriegswesen) befolgte, kam er vor ein Kriegsgericht. Alexandra Kollontai (Volkskommissarin für soziale Sicherheit) setzte sich erfolgreich für seine Freilassung ein - zur Strafe wurden Sie gezwungen zu heiraten. Sein Amt war er los, er wurde aber über Parteiarbeit und das Kommando von Bodentruppen im Bürgerkrieg unter anderem Volkskommissar für die Krim und dann Oberbefehlshaber für den Militärbezirk Leningrad. In der Funktion setzte er sich auch stark für die Flotte ein. 1938 war er Stellvertreter des Obersten Sowjets (Staatsoberhaupt), fiel aber bei Stalin in Ungnade und war einer von vielen ehemaligen Offizieren wie z.B. auch Tuchatschevski, die aus der Partei ausgeschlossen und hingerichtet wurden.

Ebenfalls einen genaueren Blick wert ist Triandafillov, der durch seine „Theorie der tiefen Militäroperationen“ bekannt ist. Vereinfacht ausgedrückt ist das eine Weiterentwicklung des Konzepts der mobilen Kriegsführung u.A. von Tuchatschevski. Ausgangspunkt waren die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges mit den starren Fronten. Triandafillov sah vor die gegnerische Front in der ganzen Tiefe gleichzeitig mit Panzern und Flugzeugen anzugreifen und nach dem Durchbruch hinter den feindlichen Linien wieder großräumig zu operieren. Der Gegenentwurf ist die Ermattungsstrategie von Swetschin, der den Gegner über kleine Aktionen über einen langen Zeitraum brechen wollte.

 

Bei der Konferenz wurden Präsentationen von Ignatyev zum Thema Modernisierung und Vlase`v zum Thema Schiffsbau vorgestellt. Das erste Wort hat Tuchatschevski und schießt damit fast ein Eigentor: Er kritisiert zunächst die wechselhaften Pläne der Marine und spricht sich mit dieser Begründung gegen die Modernisierung von Schiffen, die vielleicht nach ein paar Jahren wieder verschrottet werden müssen. Indirekt ist das ja ein Argument für Neubauten.

 

Shaposhnikov stellt fest, dass die vorhandenen vorwiegen kleineren Einheiten nicht für die Verteidigung ausreichen. Für die Unterstützung der sogenannten „Moskito-Flotte“ empfiehlt er Schlachtschiffe. Sollten größere Einheiten unabhängig operieren, dann sind Schlachtkreuzer geeigneter.

 

Mezheninov betont, dass starke Luftstreitkräfte das Schwarze Meer gegen jeden Feind verteidigen können. Er betont aber auch, dass ein Schlachtschiff ohne Luftunterstützung hilflos den Angriffen von gegnerischen Bombern ausgeliefert wäre. Ergo macht es mehr Sinn, statt einem teuren Schlachtschiff mehrere Bomberstaffeln aufzubauen.

 

Der Artillerieexperte Pell widerspricht dem, weil die Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg gezeigt hätten, dass Geschütze – ob auf Schiffen oder an Land - wesentlich präziser sind als Bomben. Das klingt zunächst vielleicht gewagt, wenn man z.B. an die Seeschlacht am Skagerrak denkt, in der die Trefferquote der Schlachtschiffe und Schlachtkreuzer bei etwa 3 % lag. Es bedeutet aber immerhin, dass eine von dreißig Granaten trifft. Oder wenn man mal von 10 Geschützen ausgeht, ein Treffer nach drei Salven oder anderthalb Minuten. Große Bomber dagegen sind langsam und müssen aus großer Höhe angreifen, sonst sind sie zu verwundbar, dadurch haben sie noch im zweiten Weltkrieg teilweise nicht einmal das richtige Land getroffen. Kleine Flugzeuge können keine großen Lasten tragen und Torpedoflieger stecken noch in den Kinderschuhen.

 

Viktorov als Kommandeur der baltischen Flotte schaltet sich ebenfalls ein. Er stellt die Verteidigung der Küsten durch landgestützte Artillerie in Frage, insbesondere auch in Bezug auf Kosten und Nutzen.

Mit Kaliber 15 cm kommt man gegen Schlachtschiffe ja nicht weit, außerdem fehlt es an tragfähigen Brücken entlang der Küste um diese schnell zu verlegen. Bei größeren Geschützen z.B. mit 30 cm bräuchte man aufwändige Stellungen die ganze Küste entlang und diese können dann keinem anderen Zweck dienen. Schlachtschiffe sind da effizienter, vor allem wenn man schon welche hat, die man nur instandsetzen und modernisieren muss.

 

Als Ergebnis der Konferenz werden schließlich folgende Ziele für die Flotte mit absteigender Priorität festgelegt:

 

  1. Unterstützung der Armee bei Operationen in Küstengebieten
  2. Verteidigung der eigenen Küste in Zusammenarbeit mit der Armee
  3. Störung der gegnerischen Aufklärung und Funkkommunikation zur See
  4. Eigenständige Operationen

 

Hierzu werden Schiffe aller Größenordnungen benötigt, auch Schlachtschiffe und Kreuzer, nur eben in erster Linie für die Artillerieunterstützung. Den Schwerpunkt der Flotte im ersten Fünf-Jahres-Plan der Roten Armee von 1928 - 1932 bildeten koordinierte Operationen von Unterwasser- und Überwasserstreitkräften. Hierfür an Neubauten vorgesehen waren 18 große und vier kleine Unterseeboote, drei Zerstörer und 23 kleinere Korvetten und Begleitschiffe. Der Plan ist als Fortsetzung der Programme von 1926/27 zu verstehen, d.h. die sechs neuen Unterseeboote der D-Klasse (Dekabrist-Klasse) sind bereits beinhaltet.

 

 

1921

1925

1929

1932

(geplant)

CV

-

-

-

-

BB

1

5

8

8

CA/CL

-

4

7

7

DD

24

48

56

59

SS

13

16

27

43

 

 

Es klingt nicht nach einem großen Schritt, aber man hat es geschafft die Differenzen zwischen den verschiedenen Teilstreitkräften zu überbrücken und eine einheitliche Marschrichtung vorgegeben. Ferner wurde der Anteil der Marine am Gesamtbudget der Roten Armee von 9 % auf 12 % erhöht, man konnte die Stärke der Flotte bei 98 Schiffen stabilisieren und nimmt den weiteren Ausbau in Angriff.

 

Bereits 1929 war der Plan allerdings schon wieder überholt, da den Russen diplomatische Unterlagen der Japaner in die Hände fielen, in denen verschiedene Szenarien eines Kriegs thematisiert wurden. In der Folge begann eine massive Aufrüstung, für die es an Rohstoffen wie insbesondere Stahl und Kupfer mangelte. Wobei Mangel relativ ist: Schiffe werden eben vorwiegend aus demselben Material hergestellt wie Panzer und von denen wurden in der Sowjetunion zwischen 1928 und 1941 insgesamt 24.000 Stück gebaut. Vorwiegend leichte Modelle, die sich im ersten Weltkrieg bei der Unterstützung der Infanterie besonders bewährt hatten und auch aktuell in der mobilen Kriegsführung Vorteile boten, weil sie schwimmfähig waren oder von Luftlandetruppen eingesetzt werden konnten.

 

Nur mal zum Vergleich: Für einen leichten Panzer benötigt man ca. 100 kg Kupfer, bei einem mittleren Panzer etwa 200 kg, bei einem Schlachtschiff sind es 1.500 Tonnen. Mit dieser Menge an Kupfer hätte man bei einem Mittelwert von 150 kg also 10.000 Panzer bauen können und genau das hat man auch gemacht. Die Mittel der Marine wurden dagegen um 26 % gekürzt und damit blieb es im Wesentlichen bei den bereits fertiggestellten sechs U-Booten.

 

Es lohnt sich an dieser Stelle auf Tuchatschevski einzugehen, der bisher ja aus Sicht der Flotte als Bösewicht beschrieben werden kann. 1930 entwarf er in einer Denkschrift die Angriffsmethode des Blitzkrieges. 1931 stellte er die weltweit erste Fallschirmtruppe auf und unter seiner Führung wurde die BT-Serie entwickelt, aus der dann der T-34 mit 50.000 gebauten Exemplaren entstand. Ebenfalls in diese Zeit fällt der Auftrag zur Entwicklung des Schlachtflugzeuges Il-2 mit einer späteren Stückzahl von 36.000. Man kann seinen Einfluss also kaum hoch genug bewerten, wie es anders hätte aussehen können, sieht man vielleicht in Deutschland: Bis 1939 hat man jeweils drei moderne Schlachtschiffe und schwere Kreuzer, zehn leichte Kreuzer, 45 Zerstörer und ebenso viele U-Boote fertiggestellt, dafür lag die Stärke der Panzerwaffe zu Kriegsbeginn nur bei 10 % im Vergleich zur Sowjetunion, darunter lediglich 200 Panzer IV. Interessanterweise verbachte Tuchatschevski 1932 vier Wochen mit einer elfköpfigen Delegation in Deutschland – möglicherweise war auch dort sein Einfluss auf den anfänglichen Erfolg im 2. Weltkrieg größer, als man es sich vorstellen kann.

 

Tuchatschevski kümmert sich aber indirekt auch um die Marine und fordert 1932 sogar Flugzeugträger für die Binnenmeere, natürlich nur, damit die Rote Armee im Ernstfall schneller Luftunterstützung erhält. Man denkt in erster Linie an Polen und die Türkei, aber auch Berlin z.B. ist ja keine 200 km von der Ostsee entfernt. Selbst vom sowjetischen Teil Weißrusslands aus sind es über 800 km und das würde z.B. eine Iljuschin Il-2 kaum hin- und zurückschaffen, abgesehen davon, dass es eben viel länger dauert.

 

Bei der politischen Führung stößt er mit solchen Plänen auf keine offenen Ohren, er gibt aber nicht auf und stellt immer wieder neue Forderungen zu diesen und anderen Themen, bis Stalin ihn wie viele andere schließlich mit dem effektivsten Mittel zum Schweigen bringt.

 

Im Januar 1930 tauchen erste Berichte der Geheimpolizei des Innenministeriums zu den Führungsmitgliedern der Roten Armee auf, mit denen die erste Welle der Säuberungen unter Stalin beginnt. Viktorov z.B. wird als unzufrieden und depressiv dargestellt, weil seine Meinung keinen hohen Wert hat. Er legt angeblich den ganzen Tag nur Patiencen. Später wird er trotzdem Oberbefehlshaber der Marine, wenn auch nur sehr kurz: Auf Zof und Muklevich sind dort Orlov und Galler gefolgt, Galler wird im August 1937 festgenommen und Vikorov Oberbefehlshaber. Im Dezember 1937 wird er selber festgenommen und 1938 erschossen.

 

Man fühlt sich an Fußballvereine erinnert, die teilweise vierteljährlich ihre Trainer austauschen, ohne damit Erfolg zu haben. Aber nicht nur die zuständigen Personen ändern sich, sondern auch die Strukturen. Beispielsweise wird 1936 der Rat der Volkskommissare weiter aufgeteilt. Mit Bezug zur Flotte gib es danach beispielsweise das

 

  • Volkskommissariat für die Kriegsflotte
  • Volkskommissariat für Verteidigung
  • Volkskommissariat für Verteidigungsindustrie
  • Volkskommissariat für Munition
  • Volkskommissariat für Bewaffnung
  • Volkskommissariat für Militärangelegenheiten
  • Volkskommissariat für den Bau von Militär- und Kriegsmarinebetrieben

 

Jeweils mit Stellvertretern und um die 80 stellvertretenden Stellvertretern bzw. Stabschefs in den Teilstreitkräften, den Militärbezirken, den Gruppen der Streitkräfte, den Luftverteidigungsbezirken, den Flotten und Flottillen, den Armeen, den Grenztruppen und den Inneren Truppen mit wiederum jeweils eigenen Stäben. Also ein furchtbar komplizierter Apparat, der allerdings insofern vereinfacht wird, dass alle Positionen nur konsultative Funktion haben. Entscheidungen trifft nur noch einer.

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Der nächste Teil macht zunächst einen Sprung bis November 1984 inmitten des Kalten Krieges. Beziehungsweise bis ins Jahr 1990, als der Film Jagd auf Roter Oktober in die Kinos kommt. Der Name taucht später noch einmal auf, so weit hergeholt ist es also gar nicht. Darin gibt es das schöne Zitat von Jack Ryan:

 

Quote

Die Russen gehen nicht mal aufs Klo ohne einen Plan!

 

Das ist der Einstieg, sich zunächst etwas genauer mit dem ersten 5-Jahres-Plan und vor allem dem Ergebnis zu befassen. Diesbezüglich war man bis 1927 noch davon überzeugt, dass Wachstumsraten von 10 % im Jahr bei gleichzeitiger Steigerung des Lebensniveaus zu erreichen seien. Nach der schweren Hungersnot 1927/28 zeigte sich jedoch deutlich, dass beides zur gleichen Zeit nicht möglich ist. Man muss also entweder den Konsum kürzen oder die Investitionen.

 

Tatsächlich bekam die Industrie den wichtigen Status. Das ging dann sogar so weit, dass trotz Hungersnot Getreide exportiert wurde, um technische Anlagen im Ausland kaufen zu können, was sich im 2. Weltkrieg als ganz entscheidend herausstellen sollte. Dazu gehörten auch weitere politische Entscheidungen bzw. organisatorische Maßnahmen, die dazu führten, dass Fabriken in Gegenden der Sowjetunion entstanden sind, die später außerhalb der Reichweite deutscher Truppen liegen sollten.

 

Zuvor hielt man im Rat der Volkskommissare Wachstumsraten bei der Industrie zwischen 14 % und 190 % über 5 Jahre für realistisch, was die Bedeutung der getroffenen Entscheidungen noch einmal unterstreicht. Nehmen wir dazu als Beispiel mal 5.000 Panzerfahrzeuge und schauen, wie sich das entwickelt:

 

  1928 1933 1938 1943
Wachstum 14 % 5000 5700 6498 7408
Wachstum 190 % 5000 14500 42050 121945

 

Im ersten Jahr macht das „nur“ einen Unterschied von 140 zu 1.900 gebauten Fahrzeugen. Über 15 Jahre sind es im Schnitt 160 zu 8.000 neuen Fahrzeugen pro Jahr, also das fünfzigfache! Tatsächlich hat man ein Ziel von 131 % festgelegt und bis Mai 1945 auch rund 128.000 Panzerfahrzeuge gebaut.

 

Bei der Flotte blieb es wie bereits erwähnt bis 1933 bei sechs U-Booten, was bezogen auf den Plan (drei Zerstörer und 16 U-Boote) aber immerhin bedeutet, dass eine Steigerung um 7 % erreicht wurde oder man 30 % der Planziele erfüllen konnte. Vom deutschen Z-Plan z.B. wurden nur knapp 10 % der Flugzeugträger, Schlachtschiffe und Kreuzer gebaut. Natürlich sind das ganz andere Ambitionen, aber das ist eben der Unterschied: Die Russen hätten leicht zehn Schlachtschiffe bauen können – auch auf Kosten der Bevölkerung - man hat aber andere Prioritäten gesetzt.

 

Im Detail lesen tut sich der Plan dann über Dutzende von Seiten z.B. so:

 

Quote

Durch Neubauten sind Produktionskapazitäten in Betrieb zu nehmen, die sich bei Roheisen auf etwa 16,8 Millionen Tonnen, bei Stahl auf 15,8 Millionen Tonnen, bei Walzgut auf 16,3 Millionen Tonnen und bei Eisenerz auf 84 Millionen Tonnen belaufen. 

 

Etwas übersichtlicher zusammengefasst waren die Ziele:

  • Ausbau der Eisen- und Stahlindustrie (z.B. das Stahlwerk „Roter Oktober“ in Stalingrad)
  • Modernisierung des Maschinenbaus mit Hilfe aus dem Ausland
  • Aufbau eigener Automobil- und Traktorenwerke (z.B. die Traktorenfabrik in Stalingrad, entworfen vom deutschstämmigen Albert Kahn fertigte sie Kopien des McCormick-Deering 15-30 von International Harvester sowie den eigenen Kettentraktor СХТЗ-НАТИ)
  • Steigerung der Energieversorgung (z.B. das damals drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt am Dnepr mit Turbinen von General Electric)
  • Erschließung neuer Rohstoffvorkommen
  • Ausbau der Bauwirtschaft
  • Ausbau und Modernisierung der Eisenbahn.
  • Langsame Entwicklung der Konsumgüterindustrie
  • Ausschaltung der marktmäßigen Preisbildung
  • Kollektivierung der Landwirtschaft.

Das bleibt dann im Wesentlichen auch im zweiten Fünf-Jahresplan so, der ausgehend von den tatsächlich erzielten Ergebnissen nur entsprechende Korrekturen vornahm. Mit ein paar Ausnahmen:

  • Man wollte unabhängiger vom Ausland werden
  • Statt neuer Fabriken sollte vorwiegend die Produktivität gesteigert werden
  • Die Bevölkerung sollte besser versorgt werden.

In Zahlen sieht die Erfüllung des ersten und zweiten 5-Jahres-Plans dann so aus:

 

Erfüllung des ersten und zweiten
5-Jahres-Plans
Ergebnis 1928 Ziel
1933
Ergebnis
1933
Steigerung
seit  1928
Erfüllung
1. 5JP
Ziel
1937
Ergebnis
1937
Steigerung
seit  1928
Erfüllung
2. 5JP
Nationaleinkommen - in Milliarden Rubel 24,90 49,70 45,50 183% 92% 100,20 96,30 387% 96%
davon Produktionsmittel  6,01 8,12 3,12 52% 38% 45,50 55,21 919% 121%
davon Konsumtionsmittel  12,30 25,10 20,20 164% 80% 47,20 40,30 328% 85%
Beschäftigte in Millionen - exklusiv
 kollektivierte Landwirtschaft 
22,30 15,80 12,90 58% 82% 28,90 27,00 121% 93%
davon Industrie  3,50 4,60 8,00 229% 174% 10,20 10,11 289% 99%
davon Administration  1,09 1,20 1,80 165% 150% 1,47 1,74 160% 118%
Löhne -  in Millionen Rubel 690,00 994,00 1425,00 207% 143% 1755,00 3047,00 442% 174%
Reallohn -  in Millionen Rubel 690,00 1156,00 553,00 80% 48% 189,00 128,70 19% 68%
Wohnungsbestand - in Millionen Quadratmetern 160,20 213,00 185,10 116% 87% 246,50 207,30 129% 84%
Städtischer Neubau - in Millionen Quadratmetern 5,40 20,60 7,33 136% 36% 19,70 3,91 72% 20%
Wohnraum je Stadtbewohner - in Quadtratmetern 5,74 6,90 4,66 81% 68% 5,35 3,77 66% 70%
Insgesamt: 134% 91%   266% 94%
Hinweis: Die Prozentangaben sind automatisch ermittelt und weichen von den offiziellen sowjetischen Angaben ab. Demnach wurde z.B. der erste 5-Jahres-Plan zu 93,7% erfüllt. Dabei eintspricht eine Steigerung auf einen Wert von z.B. 183 % einem Wachstum von 83 %.

 

Wie man sieht wurden die ambitionierten Ziele teilweise sogar deutlich übertroffen, z.B. wurden bei der Industrie nach 5 Jahren ein Nationaleinkommen oder Sozialprodukt von 8 Milliarden Rubel statt geplanten 4,6 Milliarden erreicht bzw. eine Steigerung auf das 2,29 fache oder ein Wachstum gegenüber 1928 und 3,5 Milliarden Rubel von 129 %. Das ist schon eine beeindruckende Leistung, vor allem wenn man bedenkt, dass im Rahmen der Weltwirtschaftskrise 1928/29 z.B. die USA ein Wachstum von 0 % hatten und einige Länder sogar ein negatives Wachstum.

 

Man darf natürlich nicht vergessen, dass die Ausgangslage auch deutlich anders war, die USA z.B. haben 1920 bereits 45 Millionen Tonnen Stahl produziert, in der Sowjetunion waren es zu diesem Zeitpunkt etwa eine Million Tonnen. Andererseits war der Wiederaufbau bis 1928 auch dank der Unterstützung großer amerikanischer Firmen wie z.B. Ford durch Know-how und Kredite bereits größtenteils abgeschlossen und die sowjetische Stahlproduktion betrug mit 5 Millionen Tonnen bereits wieder etwa so viel wie in Deutschland. Bis 1956 stieg die Produktion dann auf 50 Millionen Tonnen an oder etwa so viel wie alle europäischen Länder zusammen. Die USA lagen mittlerweile bei ca. 90 Millionen Tonnen. Entsprechend konnte man dort die Produktion seit 1920 verdoppeln, in der Sowjetunion hat man sie zwischen 1920 und 1928 verfünffacht und danach noch einmal verzehnfacht.

 

Ich vergleiche es mal mit einem sechzehnjährigen Schüler, der 100 € Taschengeld bekommt, nach seinem Abschluss als Azubi 500 € verdient und fünf Jahre später schon bei 5.000 € im Monat liegt. Da gibt es sicher etliche, die genauso viel oder mehr verdienen, aber mit 21 Jahren ist das sicher nicht der Normalfall. Und natürlich können doppelt so alte Arbeitnehmer ihr Einkommen kaum gleichermaßen steigern, trotzdem bleibt diese Entwicklung etwas Besonderes. Und das gilt auch, wenn er vielleicht einen Onkel Sam hat, der ihn beim Aufbau seiner ersten Firma finanziell unter die Arme gegriffen hat. Vielleicht wird er auch anfangs für diese Pläne belächelt, damit schließt sich dann wieder der Kreis zum eigentlichen Thema.

 

Bei der russischen Marine ist es ja heute noch so, dass man sich z.B. über den einzigen Flugzeugträger Admiral Kusnezow lustig macht, der qualmt wie ein alter Kohledampfer und immer in Begleitung eines Hochseeschleppers ausläuft. Dabei könnte er es aktuell locker mit dem modernsten Träger der Amerikaner aufnehmen: Bei der USS Gerald R. Ford funktionieren ja die Munitionsaufzüge nicht und selbst eine AIM-120 AMRAAM bekommt man nicht über die Treppenhäuser aus den Munitionsbunkern ganz unten im Rumpf. Das Gewicht von 160 kg wäre ja noch keine große Herausforderung für ein paar kräftige Matrosen, aber diese Raketen sind halt auch 3,66 m lang. Wobei möglicherweise sogar ein paar uralte Fairey Swordfish den Träger versenken könnten: Das moderne Radar erfasst Objekte unter 200 km/h gar nicht als Bedrohung, sonst würde es bei jeder Möwe Alarm schlagen.

 

Die Bundesmarine wäre erst recht kein ernstzunehmender Gegner: Einen Flugzeugträger gibt es gar nicht erst, man schafft es nicht einmal ein Segelschiff instand zu halten und insbesondere bei den U-Booten und Hubschraubern lag die Einsatzbereitschaft zuletzt wischen 0 und 33 %. Dazu mangelt es an ausreichendem Personal, Ersatzteilen und Munition für die Waffensysteme, d.h. einsatzbereit heißt im Zweifelsfall, die Schiffe können zur Ausbildung genutzt werden. Dabei ist auch dieser Vergleich nicht ganz fair:  Die USS Gerald R. Ford kostet 13 Milliarden Dollar, das ist ungefähr so viel, wie nicht nur die Marine, sondern die gesamte Bundeswehr 2018 für Neuanschaffungen ausgegeben hat.

 

Nimmt man z.B. die brasilianische Marine mit ähnlichem Budget, hat man dort im Jahr 2000 den Flugzeugträger São Paulo angeschafft. Gebraucht, 40 Jahre alt und für 30 Millionen Euro. Im November 2018 wurde das Schiff außer Dienst gestellt, ohne einmal den Hafen zu verlassen. Dazu muss man erwähnen, dass es auf der São Paulo zu einem Großbrand kam, dessen Reparatur teurer gewesen wäre als die Neuanschaffung. Im Februar 2018 hat man für 84 Millionen Pfund die ehemalige HMS Ocean von 1995 gekauft, das wird sicher eine ähnliche Erfolgsgeschichte. Im Vergleich dazu herrschen bei der Bundesmarine schon fast paradiesische Verhältnisse, andererseits erwartet man für nicht einmal 1% der Kosten auch nicht den besten Flugzeugträger der Welt.

 

Wie es so schön heißt: Unter den Blinden ist der Einäugige König, das gilt heute genau so wie vor bald 100 Jahren. Wenn man Kritik übt, muss man also zunächst betrachten, wie es anderswo aussieht. Dabei muss man die Mittel berücksichtigen und nicht die stärksten Nationen für einen vergleich hernehmen. Es stellt sich auch die Frage, welche Ziele verfolgt werden sollen und ob man diese erreicht. Schließlich muss man bei einem Scheitern die Ursachen dafür hinterfragen. 

 

Zurück nicht nur auf dem Wasser, sondern in der Sowjetunion im Jahr 1933 wird in Komsomolsk am Amur der Grundstein für eine moderne Werft mit mehreren großen und überdachten Trockendocks gelegt. Hier werden später z.B. die U-Boote der Viktor- und Akula-Klasse gebaut. Parallel dazu entsteht ein riesiges Industriezentrum, heute wird dort z.B. auch das Kampfflugzeug Su-57 mit Tarnkappeneigenschaften gefertigt.

 

In Molotowsk (heute Sewerodwinsk, Gebiet Archangelsk) am Dwina entsteht 1936 eine weitere neue Werft. Hier wird im Dezember 1939 mit der Kiellegung des ersten Schlachtschiffes Sowjetskaja Belorussija begonnen, im Juli 1940 folgt die Sowjetskaja Rossija. Es ist noch heute die größte Werft Russlands mit einer Fläche von rund 300 Hektar.

Erwartet wird aber zunächst, dass neue Schiffe für die Nordmeer- und Pazifikflotte in der Ostsee entstehen und über den 227 km langen Weißmeer-Ostsee-Kanal transportiert werden. Die Entscheidung für den Bau dieses Kanals wurde am 3. Juni 1930 vom Rat für Arbeit und Verteidigung gefasst, er ermöglichte aber nur den Transit von Schiffen bis 3.000 t, also von kleineren Einheiten wie U-Booten oder Lastkähnen mit Schiffsteilen. Erst nach einer gewissen Eingewöhnungsphase würde die Werft dann eigenständig operieren.

 

Zusätzlich existiert in Leningrad seit 1856 die baltische Werft, hier konnten immerhin noch Schiffe bis 250 m Länge und 35 Meter Breite oder bis etwa 70.000 t gebaut werden, beispielsweise waren das zwei Schlachtschiffe der Gangut-Klasse.

 

Sogar seit 1711 und ebenfalls in Leningrad oder St. Petersburg besteht die Admiralswerft, hier entstanden zwei weitere Gangut, liefen Peresevet, Borodino I und II und die U-Boote der Dekabrist-Klasse vom Stapel sowie zuletzt die Kreuzer der Sverdlov-Klasse und 1996 die Pjotr Weliki der Kirov-Klasse. Daneben gab es seit 1870 auch noch die Newski-Werft, die jedoch eher kleinere Schiffe bis etwa 100 m Länge fertigte sowie Rumpfteile zur Komplettierung in anderen Werften.

 

Weitere drei Werften gab es in Nikolajew am Schwarzen Meer, das 1789 im Türkenkrieg erobert wurde. Die Nikolajew-Werft, die Schwarzmeerwerft und ab 1950 die Okean-Werft. Heute können dort Schiffe bis 350 m Länge und 40 m Breite gebaut werden und zusammengenommen wäre es die größte Werft Russlands mit einer Fläche von rund 500 Hektar und über 40 Kilometern Eisenbahnschienen, im Moment gehört das Gebiet aber zur Ukraine. Hier wurde wirklich alles gebaut (bzw. der Bau begonnen), was Rang und Namen hat: Imperator Nikolai I, die Imperatritsa Mariy-Klasse, Kronshtadt, Stalingrad und Kutuzov, alle Einheiten der Kara- und Slava-Klasse, die Hubschrauberträger Moskva, Leningrad, Kiev und Minsk, 1982 die Admiral Kusnezov sowie 1988 der Flugzeugträger Ulyanovsk.

 

Zum ersten Mal werden jetzt wieder Schiffe in größerer Anzahl geplant und bestellt, beginnend mit über 300 U-Booten:

 

Sowjetische U-Boote 1933 - 1938 1933 1934 1935 1936 1937 1938 Insgesamt
geplant bestellt geplant bestellt geplant bestellt geplant bestellt geplant bestellt geplant geplant bestellt
Kleine U-Boote bis 150 t 0 6 8 1 15 5 26 15 13 18 24 86 45
Mittlere U-Boote bis 750 t 23 13 33 30 43 35 55 43 24 55 24 202 176
Große U-Boote bis 1.000 t 0 30 20 20 20 20 30 30 0 10 0 70 110
Insgesamt 23 49 61 51 78 60 111 88 37 83 48 358 331

 

Auch hier ist es wieder so, dass das Bauprogramm bereits vor dem zweiten 5-Jahres-Plan begonnen hat. Durch die Umplanung 1929 hinkt man im Vergleich zur restlichen Industrie beim Schiffbau aber trotzdem noch etwa 5 Jahre hinterher, daher geht es nicht ohne ausländische Hilfe. Die Optiken der U-Boot-Periskope stammen z.B. von der Firma Galileo aus Italien. Der Nachfolger der Dekabrist-/D-Klasse die Leninets- /L-Klasse mit 25 Einheiten ab 1931 entspricht der britischen L-Klasse. Die mittleren U-Boote der S-Klasse mit 56 Einheiten ab 1933 wurde zunächst als N-Klasse bezeichnet, wobei N für Nemetskii steht und Deutsch bedeutet. Es handelt sich dabei um die von deutschen Technikern in Spanien für die türkische Marine entwickelte E-Klasse, die gleichzeitig den Prototyp für den Typ I der Kriegsmarine darstellte. Pläne wurden bereits um 1930 in die Sojetunion übermittelt, der Nachfolger Shchuka-Klasse mit 88 Einheiten entstand dann auch mehr oder weniger parallel ab 1932, ist aber bereits eine Weiterentwicklung wie auch die deutschen Typ VII und IX, verfügt aber weiterhin über 6 Torpedorohre mit 53,3 cm (4 Bug, 2 Heck, 14 Torpedos). Ab 1933 werden die etwas kleineren Einhüllenboote der M-Klasse mit 141 Einheiten gebaut. Diese unterteilt sich in VI, VIbis, XII und XV mit aufgetaucht etwa 150 bis 300 Tonnen, zählen also größtenteils zu den mittelgroßen U-Booten. Die 15 XV werden dabei erst während bzw. nach dem Krieg fertiggestellt. Diese U-Boote wurden wie später auch in Deutschland in Sektionen gebaut, die mit der Eisenbahn transportiert werden konnten.

 

Von den größeren Einheiten der P- und K-Klasse entstehen ab 1934 bzw. 1936 wiederum nur vier bzw. sechs Einheiten, fünf weitere K werden während dem Krieg fertiggestellt. Insgesamt kommt man so aber bis 1941 auf 305 tatsächlich gebaute U-Boote. Dazu kommen noch die älteren U-Boote der A-Klasse (Typ Holland 602) von 1916 mit 17 Einheiten, die noch bis 1950 in Dienst bleiben, sowie die 6 Einheiten der D-Klasse. Zudem wurden 4 U-Boote der Kalev- und Ronis-Klasse 1940 bei der sowjetischen Besetzung von Lettland erbeutet. Von der verbesserten KU-Klasse sind noch 24 Einheiten ab 1941 geplant, hier kommt jedoch der Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion dazwischen. In Summe verfügt man damit aber über 332 U-Boote im Vergleich z.B. zu den 56 Einheiten der Kriegsmarine bei Kriegsbeginn 1939. Dabei wurde z.B. die K-Klasse später von amerikanischen Offizieren als „workmanlike“ oder fachmännisch hergestellt bezeichnet, in den technischen Details jedoch der Gato-Klasse unterlegen. Wobei das nicht stimmt, auch dazu eine Tabelle:

 

  Gato-Klasse K-Klasse
Verdrängung aufgetaucht/getaucht 1.526 t / 2.424 t 1.490 t / 2.600 t
Länge 95,33 m 95,33 m
Breite 8,30 m 7,40 m
Tiefgang 4,65 m 4,51 m
Leistung Diesel / Elektromotor 5.400 PS / 2.740 PS 8.400 PS / 2.400 PS
Geschwindigkeit aufgetaucht/getaucht 20,25 Kn /8,75 Kn 22,5 Kn / 10 Kn
Reichweite bei 10 Kn 20.000 km 26.000 km
Testtiefe 90 m 70 m
Besatzung 60 - 70 67
Torpedorohre Bug/Heck/Extern 6/4/0 6/2/2
Topedoanzahl/Minen 24 oder 40 24 und 20
Geschütze / Flak 1 x 76,2 mm/
2 x 12,7 mm
2 x 100 mm/
2 x 45 mm

 

Wie man sieht war die K-Klasse schneller, unter Wasser sogar obwohl sie weniger elektrische Leistung hatte. Sie besaß eine größere Reichweite sowie die bessere Geschützbewaffnung (später hatten auch die Amerikaner ein oder zwei Deckgeschütze mit 10,2 cm oder 12,7 cm sowie Flakgeschütze mit 20 mm oder 40 mm). Die Gato-Klasse konnte lediglich tiefer tauchen und hatte einen leichten Vorteil bei der Torpedobewaffnung am Heck, da alle vier Rohre nachgeladen werden konnten. Die K-Klasse hatte dafür aber 20 Minen an Bord, die in zwei Röhren im Bereich des Turms gelagert und nach oben ausgestoßen wurden (bei der Gato-Klasse konnten Minen nur anstelle von Torpedos mitgeführt werden). Von den Torpedos des Type 53 sind im Gegensatz zum amerikanischen Mark 11 oder dem deutschen G7 auch keine größeren Probleme mit Torpedoversagern bekannt, er gehörte mit 51 Knoten zu den schnellsten Torpedos der Welt (Mark 11 46 Knoten, G7 44 Knoten) und die letzte Weiterentwicklung UGST wird sogar heute noch verwendet.

 

Bilder und Zeichnungen der K-Klasse sind nachfolgend zusammen mit M- und P-Klasse eingefügt, ich finde man erkennt auch daraus ganz gut, dass es sich nicht nur hastig zusammengeschweißte Särge handelt, wie man vielleicht vermuten könnte. Besonders bei den ersten Eigenentwicklungen stand es zwar mit der Zuverlässigkeit nicht zum Besten, mit der K-Klasse waren diese aber größtenteils beseitigt.

 

Der eine oder andere wird sich bei der Anzahl und zufriedenstellenden Qualität der U-Boote vielleicht fragen, warum diese keine größere Rolle im zweiten Weltkrieg gespielt haben, darüber dann aber mehr in einem der nächsten Teile. Ich denke es macht zunächst Sinn die Pläne für Flugzeugträger, Schlachtschiffe, Kreuzer, Zerstörer und ggf. interessante kleinere Einheiten zu betrachten und dann die Operationen der gesamten Flotte.

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Zuletzt ging es ja hauptsächlich allgemein um die Ergebnisse bis 1937 sowie etwas genauer um die U-Boote, die Fortsetzung widmet sich wie angekündigt den weiteren Klassen. Dazu aber zunächst eine Erläuterung zum Ablauf und den Bezeichnungen.

 

Bis 1925 landeten die Pläne der Marine auf dem Schreibtisch des Verteidigungsministers Voroshilov, der diese egal ob Flugzeugträger oder Torpedoboot ablehnt, bevor Stalin sie überhaupt zu Gesicht bekommen hat. Erst ab 1926 werden die ersten Neubauten beschlossen.

 

1928 wird wie schon erwähnt in einem Verteidigungsausschuss der Bedarf der Marine in einer größeren Runde diskutiert. Es bleibt im Prinzip bei den Plänen, jedoch sind jetzt 22 statt 12 Unterseeboote sowie 23 statt 18 Patrouillenboote vorgesehen (je nach geplanter Rolle auch als Begleit- oder Küstenwachschiffe bezeichnet).

 

Die gemeinsam beschlossenen Neubauten wurden dann zusammen mit den bereits laufenden Programmen in den 5-Jahres-Plan aufgenommen. Entwickelt werden diese im Zentralen Konstruktionsbüro oder kurz TsKBS (Tsentral´noe Konstruktorskoe Byuro).

 

Zunächst werden aber von einem Wissenschaftlich-technischen Komitee oder kurz NTK (Nauchno-Tekhnicheskii Komitet) Designvorgaben erstellt, die von einer Abteilung für taktische und technische Anforderungen oder kurz TTK (Taktio Technichesko Zadanie) geprüft werden. Danach erhält dann das Konstruktionsbüro einen Designauftrag und erstellt in der Regel mehrere Varianten. Die einzelnen Projekte werden dabei in absteigender Größe nach Werften und der geplanten Baureihenfolge nummeriert:

 

Erster 5-Jahres-Plan:

  • Projekt 1: 3 x Flottillenführer (3 x Leningrad-Klasse Serie 1)
  • Projekt 2: 12 x Küstenwachboot (8 x Uragan-Klasse Serie 1, 4 x Serie 3)
  • Projekt 3: Minenräumboot (Fugas-Klasse Serie 2)
  • Projekt 4: 2 x Küstenwachboot (4 x Uragan-Klasse Serie 2)
  • Projekt 5: Leichterschiff (Toplivo)
  • Projekt 6: 6 x U-Boot (6 x D-Klasse/Dekabrist)

Das russische Wort Nроект kann man sowohl mit Projekt als auch mit Design oder Entwurf übersetzen und je nachdem passt das eine oder andere besser. Jeweils in Klammern steht ja, was später aus einem Projekt geworden ist, zu dem Zeitpunkt gab es aber nur Anforderungen z.B. an eine bestimmte Geschwindigkeit, Größe oder Bewaffnung. Teilweise waren die Schiffe aber sogar schon im Bau und fast fertig. Die Nummer alleine lässt also keinerlei Rückschlüsse über Entwicklungsstand oder tatsächliche Baureihenfolge zu:

 

  • Projekt 1 wurde 1929 unterbrochen, nachdem die Mittel der Marine gekürzt wurden. Baubeginn war 1932, das erste Schiff wurde 1936 in Dienst gestellt.
  • Projekt 2 und Projekt 4 sind identisch, die zweite Serie sollte lediglich zu einem späteren Zeitpunkt auf einer anderen Werft gebaut werden. Tatsächlich war der Baubeginn der ersten Serie im August 1927 und der von der zweiten Serie praktisch zeitgleich im September 1927. Die dritte Serie wurde ab 1934 gebaut, die vierte Serie ab 1935 wurde als Projekt 39 bezeichnet.
  • Projekt 3 wurde ab 1933 gebaut.
  • Projekt 5 gibt es keine genaueren Informationen
  • Projekt 6 wurde bereits 1926/27 begonnen und das erste Schiff schon am 3. November 1928 in Dienst gestellt, also nur einen Monat nach dem offiziellen Beginn des ersten 5-Jahres-Plans.

Wie man sieht wäre manchmal auch vielleicht das Wort Maßnahme passender. Also z.B. Maßnahme 1: Bau von vier Schiffen ab nächstem Jahr in Werft A, Maßnahme 2: Vier Schiffe vom gleichen Typ ab übernächstem Jahr in Werft B. Und Stückzahlen sind zwar im 5-Jahres-Plan enthalten, aber bis ein Designauftrag vergeben wird, können mehrere Jahre vergehen, in denen sich die Rahmenbedingungen natürlich ändern. Im zweiten 5-Jahres-Plan setzt sich das zunächst fort:

 

Zweiter 5-Jahresplan

  • Projekt 7: 36 x Zerstörer (30 x Gnevny-Klasse ab 1935)
  • Projekt 8: ???
  • Projekt 9: U-Boot (56 x S-Klasse/ Srednyaya ab 1929)
  • Projekt 10 - 18: ???
  • Projekt 19: Küstenwachboot (nicht ausgeführt)

Zusätzlich:

  • Projekt 7U für Uluchshennyi = Verbessert): 18 x Zerstörer (18 x Storozhevoy-Klasse ab 1936), dafür sechs Einheiten weniger von Projekt 7.

Eine klare Grenze lässt sich wieder nicht ziehen:

 

  • Das Projekt 7 benötigt wird war ja schon vorher klar, insbesondere wenn man das Projekt 1 umsetzt. Der Designauftrag wurde jedoch erst jetzt genehmigt.
  • Von der S-Klasse wurde bereits der erste Prototyp gebaut, ein Jahr nachdem der erste 5-Jahres-Plan in Kraft getreten ist oder vier Jahre vor dem Zweiten.
  • Projekt 8 könnte ein leichter Kreuzer gewesen sein, von denen 1930 acht Einheiten gefordert wurden, nachdem die geplante Modernisierung der Svetlana-Klasse von 1910 mit 180 mm ja nicht durchgeführt wurde. Umgesetzt wurde ab 1935 das Projekt 26 auf Grundlage der italienischen Condottieri-Klasse mit 3 x 3 180 mm statt 3 x 2 180 mm. Möglicherweise haben sich also so große Änderungen ergeben, dass man eine neue Nummer vergeben hat.
  • Projekt 10 – 18 sind keine Informationen bekannt, gebaut und nicht aufgelistet sind jedoch die U-Boote der Sh-Klasse (Shchuka, 88 x ab 1931/32), L-Klasse (Leninets, 25 x ab 1931), P-Klasse (Pravda, 4 x ab 1934) und K-Klasse (11 x ab 1936) , die ja jeweils auch aus mehreren Baugruppen bzw. Serien bestanden. Beispielsweise war eine verbesserte KU-Klasse mit 24 Einheiten geplant, wurde aber nicht umgesetzt. Möglich handelte es sich auch wieder um kleinere Einheiten wie Minenräumboote oder Leichter.

Neue Schlachtschiffe waren bisher ja nicht enthalten, aber bekanntermaßen haben sich ab Anfang/Mitte der 30er Jahre einige Veränderungen insbesondere in Japan, Deutschland und Italien ergeben: 

 

  • Japan ist 1933 aus dem Völkerbund ausgetreten und steht nach der Invasion der Mandschurei kurz vor dem zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg. Nach dem ersten Japanisch-Chinesischen Krieg pachtete Russland 1898 Port Arthur für 25 Jahre als Marinebasis von China, das führte ab 1904 zum Russisch-Japanischen Krieg.
  • In Deutschland kommt es 1933 zur Machtübernahme durch Hitler und in der Folge zu einer massiven Aufrüstung aller Teilstreitkräfte. Im ersten Weltkrieg war Deutschland gegenüber Russland in der Ostsee überlegen und durch deren Blockade wurden Importe oder alliierte Hilfslieferungen fast komplett gestoppt.
  • In Italien träum Mussolini davon das Römische Reich wiederauferstehen zulassen, beginnend ab 1935 mit dem Abessinienkrieg oder Italienisch-Äthiopischen Krieg. Ganz oder teilweise zum Römischen Reich gehörten u.A. Bulgarien, Rumänien, Moldawien, die Ukraine sowie Georgien, Armenien und die Türkei, also tatsächlich alle Anrainerstaaten des Schwarzen Meers mit Ausnahme von Russland.  Zudem reicht es aus die Schwarzmeerengen zu blockieren, um den Nachschub abzuschneiden oder eine Intervention zu verhindern, d.h. eine starke italienische Flotte ist auch im Mittelmeer gefährlich.

Russland ist mit seiner pazifischen, baltischen und Schwarzmeerflotte also ganz besonders betroffen. Spätestens nach der Londoner Konferenz von 1935 handelt es sich auch um nicht mehr um eine abstrakte Bedrohung, als ein Flottenwettrüsten zwischen Frankreich, Italien und Deutschland beginnt sowie zwischen Japan und den USA und Großbritannien irgendwo dazwischen. 1935 wird z.B. auch das Deutsch-Britische Flottenabkommen verabschiedet, was dazu führt, dass man im Falle eines Deutsch-Russischen Kriegs davon ausgeht, dass Großbritannien neutral bleibt und eher sogar Deutschland unterstützen würde, um einen Krieg zu vermeiden.

 

1937 wird außerdem Pyotr Smirnov erster Volkskommissar für die Marine oder Marineminister. Damit ist die oberste Marineführung nicht mehr dem Verteidigungsministerium, sondern Stalin direkt unterstellt. Das vereinfacht einige Dinge, führt aber auch zu neuen Problemen: Smirnov wird 1938 erschossen und Frinovsky wird neuer Marineminister, jedoch 1939 ebenfalls verhaftet und 1940 erschossen. Richtig Fahrt nehmen die Planungen daher erst mit Nikolay Kuznetsov auf, in den zwei Jahren bis Kriegsbeginn können jedoch die meisten Pläne nicht mehr verwirklicht werden.

 

Nach dem Krieg fällt auch Kuznetsov 1947 bei Stalin in Ungnade und wird verhaftet, jedoch nicht eingesperrt oder erschossen, sondern vom Flottenadmiral um drei Ränge auf Vizeadmiral zurückgestuft und entlassen. Nur weil er sich gegen schwere Kreuzer ausgesprochen hat. 1951 wird er wieder Marineminister, jedoch ohne seinen alten Rang zurückzuerhalten. Das geschieht erst 1953 mit Stalins Tod, im gleichen Jahr wird Kuznetsov stellvertretender Verteidigungsminister. Streit über Budgetkürzungen führt zu einem Konflikt mit Georgy Konstantinovich Zhukov, der ihm die Schuld für den Verlust des Schlachtschiffs Novorossiysk (ehm. Giulio Cesare) in die Schuhe schiebt. Diese ist 1955 im Hafen von Sevastopol nach einer Explosion gekentert, was 608 Seeleute das Leben kostete. Die Ursache ist unbekannt, wahrscheinlich hat sich aber nur eine deutsche Grundmine aus dem 2. Weltkrieg gelöst oder ein Blindgänger ist detoniert. Kuznetsov wird wieder degradiert und jede Tätigkeit im Bezug zur Marine wird verboten. Erst 1988 oder 14 Jahre nach seinem Tod wird er rehabilitiert.

 

Seine Bedeutung ist unbestritten, man sollte jedoch nicht vergessen, dass seine Vorgänger weder die Unterstützung noch die Mittel noch die Zeit hatten. Kuznetsov war insgesamt 11 Jahre im Amt, der Negativrekord liegt bei 5 Monaten. Dazu eine Übersicht der Oberbefehlshaber der Marine:

  • Zof (Dezember 1924 bis August 1926)
  • Muklevich (August 1926 bis Juli 1931)
  • Orlov (Juli 1931 bis Juli 1937)
  • Viktorov (August 1937 bis Januar 1938)
  • Smirnov (Dezember 1937 bis August 1938)
  • Frinovsky (September 1938 bis April 1939)
  • Kuznetsov (April 1939 bis Januar 1947 und 1951 bis 1953)

Kuznetsov war außerdem bei Amtsantritt mit 37 Jahren sehr jung und ist mit 15 Jahren zur Marine gegangen, also ein Offizier alter Schule, der sein Leben lang nichts anderes gemacht hat und am Ende seiner ersten Amtszeit bereits 30 Jahre Erfahrung hatte. Smirnov z.B. begann 1913 mit 16 Jahren eine Ausbildung zum Schmid und schloss sich 1917 den Bolschewiken an. Er wurde Politkommissar und war aktiv an den Säuberungen unter Stalin beteiligt, dener er später selber zum Opfer fiel.

 

Weiterhin wurde das dritte und größte Schiffsneubauprogramm bereits 1938 in den 5-Jahres-Plan bis 1942 bzw. den Zehn-Jahres-Plan bis 1947 aufgenommen, also bevor Kuznetsov ins Amt kam und die Pläne überarbeitet wurden. Aus dieser Zeit sind allerdings kaum Aufzeichnungen vorhanden, da Stalin kein Tagebuch oder etwas ähnliches geführt hat und eben viele seiner engsten Mitarbeiter nicht lange überlebten. Wer letztlich welchen Anteil hatte und wer welche Entscheidungen getroffen hat ist also nicht bekannt, jedenfalls sah der überarbeitete Plan vom August 1939 folgende Neubauten vor:

  • 15 Schlachtschiffe (8 bis 1942, zwei bereits im Bau)
  • 16 Schwere Kreuzer (5 bis 1942, Entwurf 1939 gestoppt)
  • 32 Leichte Kreuzer (16 bis 1942, sechs im Bau, drei bereits vom Stapel gelassen)

Der Bau der Schlachtschiffe wurde bereits im Herbst 1940 gestoppt und nach dem deutschen Angriff am 10. Juli 1941 komplett eingestellt. Begonnen hatte man noch zwei weitere, das letzte ab Juli 1940 war aber nur zu 0,07 % fertiggestellt. Realistisch hätte man als auch ohne den Krieg maximal ein oder zwei Stück mit ein oder zwei Jahren Verspätung fertigstellen können. Ursache für die Verzögerungen waren erneut der hohe Verschleiß an Führungskräften sowie fehlende Erfahrung bei der Herstellung von Panzerplatten über 400 mm.

 

Zudem fließt neben den bereits erwähnten Panzerfahrzeugen und dem fliegende Panzer IL-2 aber auch ein großer Teil der Ressourcen in Jäger und Bomber. Von der Polikarpov I-15, I-15bis und I-153 entstanden 6.500 Stück, die teilweise aber auch z.B. in Finnland Dienst taten. Im Spanischen Bürgerkrieg waren diese auch wesentlich leistungsstärker als z.B. die deutsche Heinkel HE-51. Von der Ilyuschin DB-3 wurden immerhin 1.500 Einheiten gebaut. Die Marinevariante DB-3T hatte mit einem 45-12-AN-Torpedo einen Einsatzradius von 2.000 km. Sogar fast 9.000 Stück entstanden von der I-16, übrigens das weltweit erste in Serie gefertigte Jagdflugzeug mit Einziehfahrwerk.

 

Auch hier kann man also nicht von rückständiger Technik sprechen, höchstens von schlechtem Timing: Mitten in die Umstrukturierung kam hier die Bombardierung von Flugplätzen durch die deutsche Luftwaffe, wodurch ein Großteil der Flugzeuge am Boden zerstört wurde. Daraufhin wurden bis Dezember 1941 über 1.000 Produktionsbetriebe der Flugzeugindustrie abgebaut, hinter den Ural transportiert und neu aufgebaut. Bis 1943 konnte der Vorsprung der Luftwaffe wettgemacht werden und es entstanden u.A. z.B. fast 40.000 Stück allein von den Typen Yakovlev Yak-1, Yak-3, Yak-7 und Yak-9, dazu knapp 20.000 Lavotschkin La-1, La-3, La-5 und La-7 sowie etwas über 3.000 Mikojan-Gurevitsch MiG-1 und MiG-3.

 

Die Gesamtzahl aller während des Krieges produzierten Flugzeuge lag bei an die 140.000 Stück. Das ganze trotz teilweise katastrophaler Produktionsbedingungen bei Minusgraden in halboffenen Hallen. Dennoch waren die neuen Typen den deutschen Me 109 und Fw190 ebenbürtig, wenn nicht sogar in einigen Belangen überlegen. Ein weiterer Beleg dafür ist Iwan Nikitovitsch Koschedub: Er war nicht nur der erfolgreichste sowjetische Jagdflieger im Zweiten Weltkrieg, sondern der erfolgreichste alliierte Jagdflieger überhaupt, mit 62 bestätigten Luftsiegen, darunter auch eine Me 262.

 

Zurück zu den Projektnummern geht die Auflistung wie folgt weiter:

 

Dritter und Vierter 5-Jahresplan

  • Projekt 20: 4 x Flottillenführer (1 x Tashkent-Klasse ab 1937)
  • Projekt 21: Schlachtschiff 35.000 t (Lenin im Spiel)
  • Projekt 22: Schwerer Kreuzer
  • Projekt 23: 8 x Schlachtschiff 45.000 t (Sovetsky Soyuz-Klasse ab 1938)
  • Projekt 24: Schlachtschiff 45.000 t (Weiterentwicklung von Projekt 23 ab 1941)
  • Projekt 25: Schlachtschiff 30.000 t mit 305 mm
  • Projekt 26: 6 x Leichter Kreuzer (2 x Kirov-Klasse ab 1935)
  • Projekt 29 : 20 x Küstenwachboot (11 x Yastreb-Klasse ab 1939)
  • Projekt 30: 24 x Zerstörer (11 x Ognevoy-Klasse ab 1938)

Zusätzlich:

  • Projekt 23bis: ca. 16 m länger mit verbessertem Torpedoschutz ab 1939
  • Projekt 23NU: Variante mit verbesserter Flak auf den bereits vorhandenen Rümpfen ab 1945
  • Projekt 26bis: 2 x verbesserte Kirov Klasse ab 1936
  • Projekt 26bis2: 2 x verbesserte Kirov Klasse ab 1938
  • Projekt 29K: 5 x Yastreb-Klasse, Fertigstellung nach dem Krieg
  • Projekt 30K: Ognevoy-Klasse, Fertigstellung nach dem Krieg  
  • Projekt 30bis: Zerstörer (70 x Skoryy-Klasse ab 1949)

Nach dem Krieg wird das System vereinfacht, große Schiffe haben dann eine Nummer ab 1.000, kleine Schiffe zwischen 100 und 200 und U-Boote zwischen 600 bis 900.  In der Übergangszeit ist es jedoch noch verwirrender:

  • Projekt 31: ???
  • Projekt 32: ???
  • Projekt 33: Modernisierte Voroshilov (Kirov-Klasse) mit Lenkwaffen
  • Projekt 34: Modernisierte Skoryy-Klasse (Export?)
  • Project 35: Lenkwaffenfregatte (Mirka-Klasse ab 1964)
  • ...
  • Project 38: Leningrad-Klasse Serie 2 (3 x ab 1934) mit ca. 100-200 t größeren Einheiten
  • Projekt 39: Uragan-Klasse Serie 4 (ab 1935)
  • ...
  • Project 68: Chapayev-Klasse
  • Project 68bis: Sverdlov-Klasse
  • Project 69: Kronshtadt-Klasse
  • Project 70E: Verbesserte Sverdlov-Klasse
  • Project 71: Flugzeugträger (1940 gestoppt)
  • ...
  • Project 82: Stalingrad-Klasse
  • Project 83: ehm. deutsche Lützow
  • ...
  • Project 96: U-Boote der M-Klasse (Malyutka, ab 1932)

Man traut sich kaum zu spekulieren, aber Projekt 82 z.B. wurde ursprünglich mal ab 1941 als mittlerer Kreuzer zwischen Kirov und Chapayev geplant. Möglicherweise ist die Idee dafür deutlich älter und wurde daher schon bei den Projektnummern berücksichtigt, die erste Idee für einen mittleren Flugzeugträger wie Projekt 71 gab es ja auch schon Mitte der 20er Jahre. Dann hätte man später einfach nur vorhandene Lücken genutzt oder wirklich konsequent gesagt, dass aus den Plänen für ein Küstenwachboot in den 30er Jahren eine moderne Lenkwaffenfregatte geworden ist.

 

Projekt 22 war ursprünglich ein schwerer Kreuzer mit 10.000 t und 203 mm entsprechend dem Washingtoner Flottenabkommen. Später wurde daraus ein Schlachtkreuzer mit 20.000 t und 3 x 3 254 mm. Die besser bewaffnete Scharnhorst, Dunkerque und Kongō führten dann zu einer Hauptbewaffnung von 305 mm, was als Projekt 69 bezeichnet wurde (im Spiel als Kronshtadt-Klasse). Durch Probleme mit diesen Geschützen entstand 1938 ein Entwurf mit den deutschen 380 mm, von denen Krupp noch 12 Stück auf Lager hatte (ursprünglich für Scharnhorst und Gneisenau vorgesehen).

 

Bei den U-Booten ist es so, dass das Zentrale Konstruktionsbüro der Marine 1933 aufgeteilt wird in TsKBS-1 für Überwasserschiffe und TsKBS-2 für Unterseeboote. Das könnte vielleicht erklären, warum diese nicht aufgeführt sind, bzw. erst wieder die M-Klasse als Projekt 92. Genauer gab es auch noch ein Konstruktionsbüro rein für die baltische Werft (KB-4), welches z.B. am Projekt 21 arbeitete, während Projekt 22 vom TsKBS-1 bearbeitet wurde. Nachdem diese jeweils gestoppt wurden arbeiteten dann beide parallel am Projekt 23. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich so etwas später noch öfter wiederholt hat und dadurch die Nummern durcheinandergeraten sind. Oder man halt einfach Blöcke verteilt hat nach dem Motto ihr kriegt 30 – 59 und ihr 60 bis 89 und TsKBS-2 90 bis 99.

 

Auch das System der Schiffsnamen war nicht immer gleich, während dem Krieg galt aber folgendes:

  • Schlachtschiffe bekommen Namen mit Bezug zur Sowjetunion wie ganz offensichtlich die Sovetsky Soyuz (Sowjetische Union)
  • Kreuzer heißen nach Kriegshelden wie z.B. die Kirov-Klasse nach Sergey Kirov
  • Flotillenführer werden nach Städten benannt wie z.B. die Leningrad-Klasse
  • Zerstörer heißen nach Adjektiven wie z.B. die Grozny (Schrecklich, im Sinne von Iwan der Schreckliche)
  • Kleinere Einheiten heißen nach Waffen, Tieren oder Wetterereignissen (z.B. Uragan-Klasse, die deswegen auch als Schlechtwetterklasse bezeichnet, Uragan bedeutet z.B. Hurrikan, es gab in der gleichen Klasse aber auch noch eine Wirbelsturm und eine Tsunami)
  • U-Boote bekommen politische Namen wie z.B. Dekabrist-Klasse (nach dem Dekabristenaufstand 1825), später auch Fischnamen oder einfach Nummern.

 

Jetzt hab ich viel geschrieben und bin noch gar nicht zu den Besonderheiten der einzelnen Schiffen gekommen, dass hole ich aber im nächsten Teil nach. Im vielleicht letzten Teil geht es dann um die Rolle der Marine im 2. Weltkrieg.

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